Samstag, 20. November 2010

Krank in Ungarn - oder lieber doch nicht?

Eine gute Bekannte (Ungarin, lebt ebendort) hatte vor drei Wochen eine Brustkrebsoperation. Dazu eine kleine Geschichte über das ungarische Gesundheitssystem:

Den Knoten in der Brust hatte sie schon ertastet. Da kam die 'Einladung' zur Mammographie gerade recht. Gleich bei der Mammographie kam der Verdacht 'bösartig' auf. Eine Woche später Gewebeentnahme - bösartig. Eine Woche später Operation (Freitag), drei Tage später Entlassung aus dem Krankenhaus (Montag). Unserer Bekannten geht es blendend, ob eine Nachbehandlung notwendig wird, wird sich noch herausstellen.
Unsere Bekannte ist Rentnerin, kein VIP!

Jetzt könnte man auf den ersten Blick denken, "Mann, was für ein tolles Gesundheitssystem - bei uns (in D) würde das mit den Terminen viel länger dauern".

So, und jetzt zum Hintergrund dieses Ablaufes:

Unsere Freundin kennt 'Gott und die Welt', auf jeder Behörde hat sie Bekannte. Nicht nur einfache Sachbearbeiter, auch Chefs. Keine Ahnung warum, es ist glücklicherweise einfach so. Diesem Umstand hat sie den schnellen Mammographie-Termin zu verdanken. Die 'Einladung' zu diesem Termin war nämlich eigentlich für ihre Tochter (die seit 18 Jahren in Deutschland. lebt :-). Auf der Einladung stand der gleiche Familienname, die gleiche Adresse aber eben ein anderer Vornahme. Also haben die versucht, unsere Bekannte wieder nach Hause zu schicken. Erklärung 'ertasteter Knoten, dringend' etc., alles umsonst. Erst ein Anruf bei einem etwas höher positionierten Bekannten direkt per Handy hat das Blatt zu ihren Gunsten gewendet und ihr den Termin verschafft. Alternativ möglich: ein paar tausend Forint 'Trinkgeld' auf den Tisch des Hauses. DER Türöffner, wenn man Niemanden kennt.

Einen Mammographie-Termin über den Hausarzt auf normalem Wege hätte sie irgendwann im Januar bekommen.

Den schnellen Termin für Biopsie und Operation ... ? Ein Cousin 2. Grades ist frisch gebackener Professor an der Medizinischen Uni in Pécs ... . Der Chefarzt für Anästhesie hat während des Studiums zwei Semester bei ihr gewohnt und den Kontakt nie abreißen lassen ... .

Unsere Freundin wird für die Nachbehandlung, falls notwendig, gute Medikamente mit wenigen Nebenwirkungen bekommen und die Sache schon fast vergessen haben, wenn ein 'normaler Mensch' (der keine Bekannten an entsprechender 'Position' hat und kein Geld, die erwarteten Trinkgelder zu bezahlen) noch immer auf seinen Mammographie-Termin wartet.

Das ist doch ein klasse System, oder?

Und jetzt sagen sie, 'naja, da ist es bei uns doch immer noch besser'. Da haben sie wohl Recht. Die Betonung liegt aber hier leider auf dem Wörtchen 'NOCH'.

Sonntag, 14. November 2010

Ungarn bleibt rot

Letzte Woche waren wir wieder in Ungarn. Das ist dann doch manchmal amüsanter, als einfach nur über Ungarn in den deutschen Zeitungen zu lesen. Z.B. über die Umweltkatastrophe in Devecser/Kolontár.
Sicher hat mittlerweile Jeder davon geselenen (z.B. HIER ) und/oder zumindest die erschütternden Bilder der 'roten Flut' (z.B. HIER ) auf sich wirken lassen.

Der Wegweiser nach Devecser ist nach wie vor durchgestrichen (obwohl es den Ort und die Menschen dort durchaus nich gibt!), ausserdem würde sich sowieso kein vernüftiger Mensch in ein Gebier begeben, von dem bis jetzt immer noch nicht devinitiv und per offizieller, regierungsseitiger Verlautbarung weiss, was ihn dort eigentlich erwartet. Das Ausbleiben von 'Besuchern' stllt die Einwohner von Devecser vor ein weiteres Problem, auf das ich weiter unten noch kurz zu sprechen komme.

Bereits kurz nach dem Unglück und sicherlich auch vor dem Eindruck den verstörenden Bilder, die sich Orban bei seinem Besuch in dem überschwemmten Gebiet darboten ließ dieser verlauten, das Ungarn mit dieser Katastrophe überfordert sei.

Das muß man sich jetzt 'mal auf der Zunge zergehen lassen. Da sind große Teile eines Dorfes (Kolontár) und kleinere Teile eines 6.000 Einwohner-Ortes von der Giftbrühe überschwemmt worden. Schenkt man den offiziellen Berichten Glauben (und warum sollte man das nicht), sind weniger als 500 Häuser und die zugehörigen Menschen/Familien schwer betroffen. Gut, das das Land Hilfe benötigt weil es nicht über den technischen und wissenschaftlichen Hintergrund verfügt, um die Schäden an der Natur in den Griff zu bekommen, das sehe ich ein. Aber die finanzielle Entschädigung von 500 Familien sollte für ein Land, das Milliarden in neue Flugzeuge investieren und Soldaten nach Afghanistan schicken kann zu stemmen sein.

Zumal das Ganze keine Naturkatastrophe war, auch kein Terroranschlag im herkömmlichen Sinne (wie der Besitzer des Werkes gerne glauben machen möchte). Es war ganz einfach und wie so häufig grenzenlose GIER nach noch mehr Geld, die zu dem Unfall geführt hat.
Nach der Wende vom "Kommunismus" zum "Kapitalismus" haben Weggefährten der alten politischen Kader das Werk für 'einen Appel und ein Ei' "gekauft" und dann mit so wenig Kosten wie nur möglich weiterbetrieben, um so viel Gewinn wie möglich aus der veralteten Anlage herauszuquetschen. Das Umweltauflagen (sofern überhaupt vorhanden) lasch gehandhabt werden konnten, war wiederum den alten Genossen mit den immer noch intakten politischen Kontakten zu verdanken. Die Besitzer des Werkes sind deshalb auch keine armen Menschen.

Super Artikel dazu auf profil.at

Und da der GRÖPAZ (ich ändere das jetzt 'mal ab auf "gröMpaz", wobei M für magyar = ungarisch. Alles andere wäre vielleicht doch etwas zu viel der Ehre :-) gerade dabei ist, sich Ungarn so umzustricken wie er es gerne hätte (Ämter, Gesetzte, Gerichte, Verfassung, alles halt) wäre es für ihn doch ein Leichtes, einfach jeder der 500 Familien in den nächsten Tagen 'mal pauschal für Vermögensverlust, Schadenersatz und Schmerzensgeld 100.000 Euro zu überweisen. Das Geld dafür würde er auf den Privatkonten der beiden oben genannten Manager finden. Danach währen die Konten noch nichtmal annähernd geleert. Die müßten also trotzdem nicht verhungern!

Aber was macht der GröMPaZ und sein Vasall, Staatspräsident Pál Schmitt? Die schreiben einen Bettelbrief an das ungarische Volk. JEDE ungarische Familie (da gehe ich davaon aus, denn jede Familie, die ich kenne, hat einen bekommen) bekam so einen Brief mit beliegendem Scheck. Wenigstens war noch kein Betrag auf dem Scheck. Im Text des Briefes wird dann noch darauf hingewiesen, dass z.B. George Soros schon gespendet hat. Das der gute alte Gyurcsányi (Orbans Vorgänger und Unternehmer. Hat übrigens für seine Zeit als Regierungschef auf Bezahlung verzichtet, weil er eh' genug Geld hat) auch schon seinen Obolus geleistet hat, das wird (verständlicherweise) nicht erwähnt.

Und jetzt soll sich also die ungarische Familie, von denen der Großteil eh' nur mehr schlecht als recht finanziell über die Runden kommt, sich ein Beispiel am milliardenschweren Georgiboy nehmen und doch bitte für die Opfer von Devecser spenden, damit man die unglücklichen Besitzer des maroden Aluwerkes, die moralisch natürlich am Boden zerstört sind, nicht auch noch ihre Millionen wegnehmen muß.

Und genau da hakt es bei vielen Leuten aus. Auch bei meiner Schwiegermutter, die trotz ihrer bescheidenen Rente regelmäßig für Hochwasseropfer spendet (die gibt es ja leider fast jährlich in Ungarn). Wenn im Brief z.B. zu lesen gewesen wäre 'wir haben die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und ihr Vermögen den Opfern der Katastrophe zur Verfügung gestellt, aber es reicht leider nicht. Wir brauchen noch Spenden ...', dann wäre das ein legitimes Ansinnen der Regierung gewesen. Spendengelder wären wohl reichlicher geflossen, als das jetzt der Fall sein wird. So nicht! So habe die armen Menschen in dem betroffenen Gebiet das Problem, dass sich die Regierung nicht wie erwartet ihrer annimmt. Und zusätzlich, dass aus ebendiesem Grund wohl auch die Spenden nicht so zahlreich eintreffen werden. Die von den Besitzern des Werkes in Aussicht gestellte Entschädigung ist auf jeden Fall eine bodenlose Frechheit!

Und jetzt noch ein paar Worte zu dem anderen Problem vieler Bewohner von Devecser, das die direkte Folge der Ökokatastrophe ist:
Devecser ist in ganz Westungarn als riesiger 'Second Hand Shop' bekannt. Vom Soda-Club-Gerät über Elektronik bis zu Wohnungseinrichtung konnte man dort alles zu unvorstellbar niedrigen Preisen bekommen. Davon haben viele Einwohner Devecsers gelebt. Das ist jetzt vorbei, erstmal zumindest. Also selbst Familien, die eigentlich gar nicht direkt von dem Unglück betroffen gewesen wären, werden durch die 'außerordentlich schlecht gemanagten) Folgen desselben in den Ruin getrieben. Dazu kommt noch, dass Hausbesitzer, die ihre Immobilie kreditfinanziert haben, inzwischen Briefe von den kreditgebenden Banken bekommen. Die Häuser in dem Gebiet (ob direkt von der Flut betroffen oder nicht spielt hier keine Rolle) sind im Wert drastisch gesunken (klar, wer würde dort noch ein Haus kaufen?). Die Sicherheit reicht also nicht mehr, die Banken wollen Geld sehen, das den Wertverlust ausgleicht. Aber woher nehmen?

Alles in allem, die armen Menschen dort stecken richtig tief in der Klemme. Und woran erkennt man, daß das zunehmend uninteressant wird? Wann haben sie denn den letzten Bericht zu dem Thema in einer Zeitung gefunden? - Eben.

Stand heute (14.11.10) ist die MAL RT. bereit, 5,5 Mio. Euro an Schadenersatz zu bezahlen. Das wären ca. 10.000 Euro pro Haus. Würden sie als Betroffener da lachen oder weinen?

Samstag, 30. Oktober 2010

Magyar vagyok, magyarnak születtem ... oder Ungarn, Ungarn über alles ...

In Ungarn greift in den letzten Jahren ein Phänomen immer stärker um sich und hat jetzt, nach der Wahl von GröPaZ Orban zum unumschränkten, absolutistischen (aber leider NOCH ungekrönten) Herrscher über ‚das Land der Magyaren’ (ich schreibe an dieser Stelle absichtlich NICHT Ungarn) noch mal kräftig Rückenwind bekommen: Größenwahn. Milder ausgedrückt: Sehnsucht nach der alten Größe. Vom Mittelmeer bis tief in die Karpaten. Von der Etsch bis an den Belt – nee, Stop, Vollbremsung, zurück. `Was verwechselt. DAS geht ja gar nicht!

Aber immer, wenn ich als Deutscher (und hier wäre jetzt eigentlich ein kleiner Exkurs notwendig – denn weder unser toller roter Reisepass noch unser eingeschweisstes Baphometbildchen, das mich als Personal der Bundesrepublik Dtld. einstuft reicht aus, um z. B. zur Prüfung zum Schornsteinfegermeister zugelassen zu werden. Warum eigentlich nicht? Aber ich will nicht abschweifen …) einen dieser Orban-Freaks sehe, komme ich doch stark ins Grübeln.

Die Jungs (und natürlich auch Mädels) träumen also den Traum vom Ungarn in den Grenzen von 1867 mit der Slovakei, einem Großteil Kroatiens, der Vojvodina (Vajdaság, in Serbien) und einem großen Teil des heutigen Rumänien (Siebenbürgen, bei Dracula-Kennern als Transsylvanien besser bekannt – ungarisch Erdély).

In der ‚Schande von Trianon’ 1920 wurde damals völkerrechtlich verbindlich festgeschrieben, das das damalige Königreich Ungarn 2/3 seines Staatsgebietes an Nachbarstaaten abtreten muß, und diese Gebiete gingen damals verloren (gingen verloren - klingt wie "'halt nicht aufgepasst, Jungs")

Die (Ange)Hörigen dieses „Großungarn-Kultes“ sind einerseits daran zu erkennen, dass sie Mitglieder der ungarischen Regierung sind und / oder andererseits den Umriss Ungarns in den Grenzen von 1867 auf dem Auto kleben haben (angeblich sogar manchmal verkehrtrum :-) oder als Anstecker an den Klamotten offen zur Schau tragen. Lustigerweise leben viele dieser ungarischen Patrioten bequem im Ausland und denken gar nicht daran, zuhause im geliebten Heimatland für die Beseitigung der doch recht zahlreich vorhandenen Missstände einzutreten.

Völlig unberücksichtigt bleibt dabei, das schon im Vorfeld dieses Vertrages die Loslösung einiger Gebiete von Ungarn begonnen hatte.,,

Was für mich viel interessanter ist ist die Tatsache, dass sich in Europa niemand wegen dieser eigentümlichen Tendenzen in Ungarn einen Kopf zu machen scheint. Denkt man hier, die sind „eh’ so klein, die tun doch nix und zudem sind die demnächst eh' Pleite“?

Mich würde interessieren, was in unseren (und den europäischen) Medien geboten wäre, wenn plötzlich, sagen wir 20% aller Deutschen mit der Silhouette des deutschen Reiches am Revers unterwegs wären? Da wären wieder fette Zahlungen an die Empörungs-Industrie fällig. Oder U-Boote.